Die ausführliche Verlagsgeschichte
mit umfangreichem Bildmaterial aus dem Merlin-Archiv


Teil 4: Janosch, Preise, Generationenwechsel

Teil 1: Verlagsgründung, Genet, Bibliothek de Sade
Teil 2: Sex, Menschenfresser, Gilles de Rais
Teil 3: Bjørneboe, Magische Reihe, Druckgrafiken
Teil 4: Janosch, Preise, Generationswechsel


"Sankt Janosch, Antichrist"

Der Verleger Andreas J. Meyer sah Janosch zum ersten Mal 1976 in der ZDF Sendung "Literatour" anlässlich der Frankfurter Buchmesse. Der provokative Auftritt des Künstlers, der auf jede Frage mit dem immerselben Satz "Ich bin der Janosch" antwortete, prägte sich auch bei Meyer ein.
Als der MERLIN VERLAG kurz darauf eine Volkslieder-Grafikedition publizieren wollte, nahm Meyer Kontakt zu Janosch auf. Dieser war bereit mitzumachen, sah allerdings ein Problem: Er hatte noch nie eine Radierung angefertigt. Man beschloss, es zu versuchen. Der Münchner Radierdrucker Max Dunkes brachte Janosch die Grundzüge der Radiertechnik bei, woraufhin nicht nur der Beitrag zur Volksliedermappe, sondern eine erste Janosch-Edition (LIEBESPAARE UND HOCHZEITSGESCHICHTEN) entstand.
In einer drei Jahrzehnte andauernden, engen Zusammenarbeit zwischen Janosch und MERLIN entstanden mehr als 300 Radierungen für Erwachsene und Kinder. Außerdem veröffentlichte Janosch im MERLIN VERLAG den Roman SANDSTRAND und die beiden Theaterstücke ZURÜCK NACH USKOW und MUTTERGLÜCK, die unter all jenen für Überraschung und sogar Entrüstung sorgten, die Janosch "lediglich" als Kinderbuchautor begriffen hatten.

Die Süddeutsche über Janoschs LEBEN UND KUNST
ZEIT-Preis für kleine Verlage und Niedersächsischer Verlagspreis

1984 erhielt der MERLIN VERLAG in Anerkennung seines unermüdlichen Einsatzes für die Arbeit ungewöhnlicher und in der Öffentlichkeit leichtfertig übersehener Autorinnen und Autoren aus der Hand von Gerd Bucerius den ersten ZEIT-Preis für kleine Verlage.
Rolf Michaels schrieb hierzu am 5. Oktober 1984 in der ZEIT: "[...]Am höchsten zu rühmen beim großen Verleger eines "kleinen Verlages": Meyer hat, wie nicht viele, Autoren die Treue gehalten. Über ein Jahrzehnt hat er Bücher verlegt, nicht weil er sie verkaufen konnte, sondern wollte - und weil er sie für wichtig hielt[...]"

Im Jahr 2000 wurde dem MERLIN VERLAG zusätzlich den Niedersächsischen Verlagspreis verliehen. In seiner Rede zur Presiverleihung, gehalten am 10. Oktober 2000 in Hannover erklärte Robin Detje: "Und wir wissen, dass Merlin-Meyer mit dem Merlin Verlag ganz prachtvoll gewütet hat im Lande und prozessiert und gekämpft, all das ist Legende. Übrigens scheinen dabei alle, die ihm nahe gekommen sind, ein paar Schrammen abbekommen zu haben [...]. Und gelobt seien die Schrammen und die Kratzer und die Menschen, die sich uns so in den Weg stellen, dass wir welche abbekommen."

Auch in der Zwischenzeit wurde der MERLIN VERLAG nicht müde, seine anspruchsvollen Ziele weiterzuverfolgen. Über die Jahre hinweg veröffentlichte man, neben vielen anderen Autoren, des hoch gelobten und zugleich in seiner Heimat umstrittenen Holländers Gerard Reve, die Werke Wolf Klaussners, Gedichte, Tagebuchblätter und Briefe von Walter Bauer, Romane und Essays des von der Presse ignorierten, nicht justiziable moralische Schuld thematisierenden Erzählers Heinz Risse, Lyrik von Vladimir Holan, Gedichte von Jan Skacel (beide von Reiner Kunze aus dem Tschechischen übersetzt)  und die Theaterstücke und Briefbände des bis heute seine Leserschaft polarisierenden Louis-Ferdinand Céline.

Der Generationswechsel im MERLIN VERLAG

Zum 40jährigen Jubiläum wurde die Übergabe der Verlagsleitung von Andreas J. Meyer auf seine Tochter Katharina eingeleitet. Zehn Jahre später ist der Generationswechsel vollzogen, das junge Team begreift die Tradition der zurückliegenden Programme als Basis, von der aus der Blick in die Zukunft und auf die künstlerische Auseinandersetzung mit den Themen der Zeit gerichtet wird.
Zu den wichtigsten Autoren, die seitdem ins Programm des Verlags aufgenommen wurden, zählen der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Algerier Boualem Sansal, dessen Debütroman DER SCHWUR DER BARBAREN unter anderem von der Zeitschrift "Le Nouvel Observateur" als "Meisterwerk" gefeiert wurde. Der Schauspieler und Regisseur Olivier Py trug zunächst zwei Theaterstücke, im Jahr 2005 dann den Roman PARADIES DER TRAURIGKEIT zum Programm des Verlags bei. Die MAGISCHE BIBLIOTHEK erfuhr eine gewichtige Fortsetzung durch das in jahrelanger Feldforschung erarbeitete, umfangreiche Werk MAGIE UND MACHT IN ITALIEN von Thomas Hauschild. Im Bühnenvertrieb setzten zudem talentierte junge Dramatiker wie John von Düffel, Marie NDiaye oder Carles Batlle neue Akzente.

Der MERLIN VERLAG steht auch im 50. Jahr nach wie vor unabhängig und auf eigenen Beinen in der Verlagslandschaft.