Die ausführliche Verlagsgeschichte
mit umfangreichem Bildmaterial aus dem Merlin-Archiv


Teil 1: Verlagsgründung, Genet, Bibliothek de Sade

Teil 1: Verlagsgründung, Genet, Bibliothek de Sade
Teil 2: Sex, Menschenfresser, Gilles de Rais
Teil 3: Bjørneboe, Magische Reihe, Druckgrafiken
Teil 4: Janosch, Preise, Generationswechsel

Der Verleger Andreas J. Meyer

Der Gründer des Merlin Verlags, Andreas J. Meyer wurde 1927 in Hamburg geboren. Seine Mutter Lilly war Pianistin. Sein Vater, der liberale Hamburger Landgerichtspräsident Dr. R. J. Meyer war zu seiner Zeit eine im kulturellen Leben Hamburgs bekannte Persönlichkeit. Er wurde 1933 zwangspensioniert und trat kurz darauf aus Protest gegen die verordnete "Gleichschaltung" als langjähriger Vorsitzender des Hamburger Kunstvereins zurück. Seien Haltung hat Andreas J. Meyer nachhaltig geprägt.
Er absolvierte eine Lehre als Verlagsbuchhändler. Anschließend reiste er eineinhalb Jahre als Betreuer einer von der brasilianischen Goethe-Gesellschaft und vom Börsenverein in Frankfurt organisierten Buchaustellung durch Brasilien, Uruguay und Argentinien.
Später entschied er sich für ein Studium der Kunstgeschichte, Soziologie und Politischen Wissenschaften in Hamburg, das er durch seine Arbeit im Chronos Bühnenverlag und in Helmut Gmelins "Theater im Zimmer" finanzierte. Weil avantgardistische Theaterautoren bei Chronos nicht angenommen wurden, begann er selbstständig als Bühnenverleger zu arbeiten. Am 14. November 1957 erfolgte die offizielle  Anmeldung des MERLIN VERLAGS beim Hamburger Handelsregister. Die für den Anfang nötigen Geldmittel verdiente sich Meyer durch Beiträge für das "Nachtprogramm" des NWDR, u.a. über Franz Werfel, Till Eulenspiegel und über die Schildbürger.

Der Verlagsgründer Andreas J. Meyer heute


Jean Genet und der Prozess um NOTRE-DAME-DES-FLEURES

1956 hatte ein in Paris lebender Freund Andreas J. Meyer auf Jean Genet aufmerksam gemacht, der damals als persona non grata galt. Er ermittelte seinen amerikanischen Freund und Übersetzer Bernard Frechtman und bekam über die unvergessliche Literaturagentin Rosica Colin den französischen und englischen Text des Einakters DIE ZOFEN. Nach der Lektüre des Stückes auf einem Parkplatz an der Weser während einer Theaterreise entschloss sich Meyer spontan, das Stück sofort ins Programm zu nehmen. Während die Verträge ausgearbeitet wurden, inszenierte Peter Zadek in London die Uraufführung von Genets BALKON. Ein Skandal! Nicht nur, dass der Zensor die Premiere im Haupthaus untersagte und die Aufführung in einem Kellertheater stattfinden musste. Obwohl Zadek von Jean Genet als Regisseur der Uraufführung ausdrücklich erwünscht war, kommt es zu Streitigkeiten über die Inszenierung, woraufhin der Autor, sein Übersetzer Frechtman und ihrer Begleiter kurzfristig ausgeladen werden. Der Londoner Skandal sorgte in Theaterkreisen für reichlich Aufsehen und begünstigte die anfänglich sehr schwierige Arbeit des Verlags. Hatte man zuvor mit der einzigen Ausnahme des kleinen Theaters "Contra-Kreis" in Bonn durchweg ablehnend reagiert, so begannen sich über Nacht auch die Dramaturgen öffentlicher Bühnen für den Autor Genet zu interessieren.

1958 reiste Jean Genet erstmals zu einem Besuch des MERLIN VERLAGS nach Hamburg. Er bot Andreas J. Meyer den Roman NOTRE-DAME-DES-FLEURS an. 1958 wurde der Vertrag mit Gallimard in Paris geschlossen, das Buch erschien 1960.
Kurz darauf leitete allerdings die Staatsanwaltschaft Hamburg ein Ermittlungsverfahren nach § 184 StGb wegen "Verbreitung unzüchtiger Schriften" gegen den Verleger ein. Die bereits gedruckten Exemplare des Buches sollten vernichtet werden, weshalb die gesamten Bestände in einer hastigen Aktion nach Dänemark geschafft wurden, um im Falle einer Verurteilung in Sicherheit gebracht zu sein.
Die Beschäftigung der Zensurbehörden mit Jean Genet hatte bereits eine Vorgeschichte. Schon 1956 war der Rowohlt Verlag wegen der Veröffentlichung des Genet-Romans QUERELLE DE BREST mit einem ähnlichen Verfahren konfrontiert gewesen und hatte sich mit der Staatsanwaltschaft verglichen. Andreas J. Meyer jedoch ging vor Gericht.

Das Urteil des Hamburger Landgerichts wurde am 31. Juli 1962 unter großem Medieninteresse verkündet. Die Bildzeitung schrieb dazu am 1. August 1962:
"In einem für das ganze Bundesgebiet bedeutsamen Grundsatzurteil hatte das Hamburger Landgericht darüber zu entscheiden: Ist der inzwischen weltberühmte Roman „Notre-Dame-des-Fleurs“ unzüchtig? Der Staatsanwalt hatte den Antrag gestellt, sämtliche noch im Handel befindlichen Exemplare und den Drucksatz zu vernichten ... Als Sachverständige waren aufgeboten: Die beiden Literaturexperten Willy Haas von der „Welt“, Prof. Sieburg von der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und Dr. Giese, Direktor des Sexualwissenschaftlichen Institutes der Universität Hamburg. Das Urteil der Sachverständigen war einhellig! Zwar wimmele das Buch objektiv von Obszönitäten, die aber für einen intelligenten Leser durch den sehr hohen künstlerischen Wert des Romans aufgehoben würden.“
In einem juristischen Präzedenzfall wurden zunächst der Verleger Andreas J. Meyer und anschließend der Roman NOTRE-DAME-DES-FLEURS von allen Vorwürfen freigesprochen.
Die Bibliothek de Sade

Eines der nächsten Projekte des Verlags war die Erstellung einer ersten Studienausgabe der Werke des Marquis de Sade, dem vielleicht größten Ungeheuer der Literaturgeschichte, dessen infernalische Visionen seine Leser zu allen Zeiten gleichermaßen beängstigten und faszinierten. Bisher hatte es in deutscher Sprache nur einige "Liebhaberausgaben" gegeben, die den Marquis lediglich als Produzenten von Erotika sahen und ihm dadurch einen großen Teil seiner Brisanz raubten. Das erklärte Ziel der Neuübersetzungen des MERLIN VERLAGS war es dagegen, eine Beschäftigung mit den Büchern de Sades auch über seinen Ruf als bloßer Pornograph und Liebling der Surrealisten hinaus zu ermöglichen.

Nachdem zunächst eine Werkausgabe in drei Bänden erschien, liegen inzwischen neben JUSTINE ODER DAS UNGLÜCK DER TUGEND und der PHILOSOPHIE IM BOUDOIR, den Hauptwerken de Sades, unter anderen auch VERBRECHEN DER LIEBE, eine Anthologie seiner kürzeren Schriften, und verschiedene Vorzugsausgaben vor. Die Bibliothek de Sade umfasst insgesamt elf Einzeltitel und ermöglicht eine hervorragende Orientierung im riesigen Gesamtwerk des Autors.